Die Entwicklung der Kunstblumenfertigung in Sebnitz

 

 

Künstliche Blumen wurden schon im Altertum gefertigt.

„Das Blumenrätsel der Königin von Saba bestand darin, dass sie sechs natürliche und sechs künstliche Lilien dem König Salomo reichte, die so täuschend nachgeahmt waren , dass sie von den wirklichen Lilien nicht unterschieden werden konnten. König Solomo überließ die Echtheitsfrage einer Biene, die mit sicheren Instinkt nur die Kelche der echten Lilien besuchte“. *8)

 

 

Wie echt Kunstblumen wirken können, bestätigt ein Erlebnis meines Schwiegervaters, der auf der Leipziger Messe feststellen konnte, dass die Putzfrauen die Sebnitzer Seidenrosen mit Duft gegossen hatten.  

Im 18.  Jahrhundert lag das Zentrum der Kunstblumenfertigung in Frankreich.

 

1834 – der deutsche Zollverein belegt künstliche Blumen und Schmuckfedern aus Böhmen mit einem hohen Einfuhrzoll.

 

Die Biemschen kamen ab 1834, weil Sachsen jetzt zum Deutschen Zollverein gehörte und somit die Zölle, auch für Kunstblumen enorm gestiegen waren. Also verlegten  die Blumenmacher aus Nieder- und Obereinsiedel, Schluckenau, Lobendau oder Nixdorf ( heute: Dolni Poustevna, Sluknov, Lobendava, Mikulasovice) ihre Produktion nach Saupsdorf, Langburkersdorf, Neustadt oder eben Sebnitz. Hier lebten vor allem Weber. Deren Elend jedoch kam in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts bekanntlich voll zum Ausbruch.

Die Folge war, dass böhmische Frauen in Sachsen Blumen herstellten.

 

Webwarenhändler erkannten die neuen Gewinnmöglichkeiten und verkauften böhmische künstliche Blumen. Zu  diesem Verkauf kamen eigene Blumenmacher. So  entstand die größte

Blumenfabrik Mey und Co. Gute Voraussetzungen gab es durch die Produktion von Batist.

1837 – Grundsteinlegung zur Blumenfabrik  Imanuel Richter.

Die entstehenden Manufakturen und Fabriken beschäftigten zunächst vorwiegend böhmische Mädchen.

 

1842 – der Zolltarif für künstliche Blumen wird auf  100 Reichstaler pro Zentner erhöht, was den Zuzug böhmischer Blumenmacher nach Sebnitz verstärkt. *8)

 

1844 – Johann Pilz aus Niedereinsiedel heiratet Clara Pilz. Das Ehepaar zieht nach Sebnitz..

 „Seine Frau hatte eine gute Erziehung genossen. Da, wie schon gesagt, sich ihr Vater in guten Verhältnissen befand, hatte er seine Tochter Clara zur Ausbildung in ein Kloster nach Prag gegeben. Dort hattesie die Anfertigung von künstlichen Blumen sowohl aus Papier als auch aus Webstoffen, womit die Kirchen ausgeschmückt wurden, gelernt.

 Die Eheleute Pilz entschlossen sich nun, künstliche Blumen zum Verkauf herzustellen und Pilz suchte sich Kundschaft dafür in der Ober- und Niederlausitz, im Spreewald usw., wobei er die Blumen selbst zum Verkauf in Kisten auf einem Reff mitnahm, Bestellungen aufnahm, die Wünsche und Bedürfnisse der Kundschaft zu erfahren suchte usw. ( eine große Rolle spielten die sogenannten wendischen Brautkränze, die dicht aus grünen Federn gedreht mit Blumen und vielen glänzenden Glasperlen geschmückt waren. Ein solcher Kranz wog oft mehrere Pfund.) Diese Art Reisen hat Pilz noch bis Ende der 80er Jahre unternommen.“*1)


Am 23.01.1845 bittet Johann Pilz um Aufnahme in die Sebnitzer Stadtgemeinde. Die Stadtverordneten lehnen den Antrag ab, weil sie die Blumenfabrikanten

zwingen wollen, nur sächsische Arbeiter zu beschäftigen.

Erst 1848 wird dem Antrag stattgegeben. Pilz beschäftigt 10-12 Blumenmädchen. (Meiche 1908 :Die Anfänge der Kunstblumenindustrie)

 

 

 

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(Blumenstrauß im Heimatmuseum)

 

1848 - Imanuel Richter besucht erstmals die Leipziger Messe.

Der Stadtbrand von 1854 trug erheblich zur Ausweitung der Kunstblumenfertigung bei, da viele Webstühle verbrannt waren.

Die Einführung von Ausschlageisen statt Schere und Schablone erhöhte die Produktivität erheblich.

1860 – die Blumenindustrie erlebt einen Aufschwung

1863 – in Sebnitz wurden 800 Blumenarbeiter gezählt.

 

„Am auffälligsten ist aber der bessere Geschmack und die feinere Ausführung, wie solche bei den Sebnitzer und Neustädter Fabrikaten, die vor wenig Jahren erst mit den allereinfachsten Zweigen und Ranken begannen, zu beobachten sind. Ist es gelungen , in gewissen Sorten die Nürnberger und Berliner Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen, so steht nach den bisherigen Erfahrungen zu hoffen, daß in nicht zu langer Zeit auch mit der französischen Konkurrenz, wenn auch noch nicht mit den vollendetsten Gattungen der Pariser Blumenfabrikation, der Wettkampf wird aufgenommen werden können.“*3)

 

 1868 – Die erzeugten Kunstblumen in Sebnitz und Neustadt haben einen Wert von 170000 Talern.

1873 – Weltausstellung in Wien trägt zu weiteren Geschäftsverbindungen mit dem Ausland bei. Blumenfabrikant Meiche führt die Arbeitsteilung ein, die zur Intensivierung der Produktion beiträgt.

1875 - Die Zahl der Betriebe stieg nach der Weltausstellung steil an.

1876 – 2200 Beschäftigte arbeiten in Blumenfabriken Sebnitz und Neustadt. Die Arbeitszeiten lagen bei 11 -13 Stunden täglich. Die Blumenarbeiterinnen erhielten Stücklohn. Die Blumenbetriebe

             gingen dazu über Hfeimarbeiter zu beschäftigen, die nach Auftragslage beschäftigt wurden und niedrigere Vergütung erhielten. *9)

            Wie aktuell mit Blick auf die Zeitarbeiter!

 

 

Links Größe der Blumenbetriebe in Sachsen 1882 *4)


Um 1890 – betrug der Heimarbeiteranteil etwa 50%. Die Heimarbeiter verdienten z.T. nur 3 Pfennige pro Stunde.

1898 – arbeiten 911 schulpflichtige Kinder(6 –14 Jahre) in der Blumenerzeugung.

1900 – in der Sebnitzer Kunstblumenindustrie arbeiten ca. 10000 Beschäftigte, davon 9000 Heimarbeiter aus der näheren und weiteren Umgebung

 5*)


1906 – Sebnitz zählt rd .200 Blumenfabrikanten, 14 Knospen- und Staubfädenfabriken, 43 Bestandteilhändler, Eisen- und Pressenmacher, Stofffabrikanten, Farbenhandlungen, Drahtspinnereien.

             Man greift nicht zu hoch, wenn man 5000 Beschäftigte in der Kunstblumenindustrie annimmt.2*) 

1907 – Die Hüte werden wieder mit Blumen verziert, was zu Produktionszuwachs führt.

Die Kosten des Rohmaterials betrugen 33 - 10 % vom Verkaufspreis, die Löhne machten 40% aus, so ergab sich eine Differenz von wenigstens 27 % ohne Marketing, Versandkosten, Investitionsrücklage,

Versicherungen sowie Energiekosten. Der von Endler genannte große Mehrwert wird wohl nicht so groß gewesen sein, auch wenn sich das Geschäft gelohnt haben wird.

Die Fertigung war überwiegend Handarbeit. Die Möglichkeiten der Mechanisierung waren gering, wie der Vergleich von 1914 zu 1924 zeigt. 

 

 

Ein Gros sind 144 Stück. Die Tagesleistung betrug also bis zu 11520 Stück. Bei 10 Stunden Arbeitszeit also über 1100  Stück pro Stunde oder 19 Stück pro Minute. Reell dürften es 20 pro Minute gewesen sein, also 3 Sekunden für das Stück- ein menschlicher Automat!

 

 

Die Arbeitsgänge einer typischen Kunstblume waren.

 

 

Ausschläger                                            

 

 

Bindesaal

1928 -  der Export der deutschen Kunstblumenindustrie erreichte 1928 seinen Höhepunkt.( in Reichsmark  (ca. 75% stammten aus dem Gebiet Sebnitz-Neustadt) 

 * 4)


Insgesamt wurden 1928 für über 14 Millionen Reichsmarkt Textilblumen exportiert. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise sank der Export bis 1932 auf 3,5 Millionen Reichmark. Im 2. Weltkrieg sank

die Blumenproduktion und wurde am 30.9.1944 auf Befehl ganz eingestellt. Aber schon

1947 – wurden wieder mehr als 10000 Beschäftigte registriert.

1953 – Gründung des VEB Kunstblume Sebnitz

 

1960 gab es demnach 1737 Produktionsarbeiter und 4171 Heimarbeiter = 5908 Blumenarbeiter. Der Anteil der Heimarbeiter betrug 70,6 %. 

 

 

Die Umsätze pro Jahr pro Arbeiter schwankten demnach zwischen 4777 DM bei den Privaten und 5857 DM bei den Handwerkern. Der durchschnittliche Nettolohn der DDR – Arbeiter

betrug 444 DM/Monat oder 5328 DM/Jahr ( www.t12b.de). Die Löhne der Blumenarbeiter, die immer unter dem Durchschnitt lagen, betrugen 135 DM Brutto im Monat oder 1620 DM

im Jahr (*4) , um ein Betriebsergebnis zu sichern. Der Lohnanteil betrug damit zwischen 25,6 -33,9 %.

 

 

Handelsverbindungen des VEB Kunstblume Sebnitz 1961

 *6)


1976 – in 80 Orten arbeiten Heimarbeiter für die Kunstblume

Die betriebliche Strukturierung war 1976 abgeschlossen. Der Betrieb gliederte sich in 9 Betriebsteile, die jeweils ein Sortiment herstellten.

Die nach der Wende gebildete GmbH, die mit 3150 Personen startete, wurde am 30.9.1991 aufgelöst.

Die Ursachen sind in dem Preisgefälle zu suchen. Innerdeutsch wurden die Erzeugnisse vor der Wende etwa 1:10 gehandelt. Die Beschäftigten wollten aber übliche DM-Löhne. Auch die fernöstlichen Erzeugnisse waren um die Hälfte billiger.

Übrig blieben Miniproduktionen und ein Kunstblumenmuseum mit Schauproduktion.

 

Literatur:

1 - Wie entstand die Blumenindustrie in Sebnitz und dessen Umgebung;Grenzblatt,1918

2 - Meiche :Die Anfänge der Kunstblumenindustrie;1908

3 - Jahresbericht der Handels- und Gewerbekammer zu Dresden; 1867

4 - Fritz Endler:Von der Entwicklung der Sebnitzer Leineweberei und Kunstblumenindustrie; 1962

5 - M. Schober:Faktensammlung zur Geschichte von Sebnitz in den Jahren 1891-1918;Beiträge zur Heimatgeschichte;Heft5 1988

6 - Bergmann: Beträge zur Geschichte von Sebnitz, Teil III; 2010

7 – M. Schober: Die Sebnitzer Kunstblume; 1994

8 – B.  Schier: Die Kunstblume von der Antike bis zur Gegenwart;1957